Fall in Love with everything you hear. Teil 3 – Jetzt erst recht
Endlich hatte der Postbote Mitleid und hat das Päckchen (das bestimmt schon seit Tagen am Postamt lag) endlich in meinem Briefkasten zurückgelassen. Jetzt klebt man seit Stunden an den Boxen und hört sich durch das neue Opus einer alten Liebe und das Werk eines Menschen, in den man sich eventuell noch verlieben könnte.
Einerseits eben Okkervil River, denen man den Weg seit ihrem ersten Longplayer anhört. Während „Don’t fall in love with everyone you see“ noch in die Schublade „affektgesteuertes Frühwerk“ zu stecken war (sprich: Viel Schmiss, viel Gefühl, aber manchmal einfach meilenweit übers Ziel hinaus), hält Will Sheff (nein ich lasse mich nicht auf ein dummes Wortspiel mit dem Namen ein) auf „Black Sheep Boy“ die Zügel eindeutig fest, sicher und warm in der Hand. Und der Gaul rennt, dass es eine Freude ist. Man wird das Gefühl nicht los, dass man hier ein Kunstwerk in den Händen hält, nicht nur im metaphorischen, sondern auch im wörtlichen Sinne. Das fängt bei den Artworks an, die man sich gesammelt auf T-Shirts drucken will, um offen zu deklamieren, dass man zu den Erleuchteten zählt, und setzt sich zur generellen Anlage des Albums fort: „Black Sheep Boy“ basiert, schön verkopft, auf einem Tim Hardin-Song, der konsequent auf Albumlänge verhandelt wird. Eine Geschichte auf mehrere Skizzen über die Adoleszenz aufgedröselt. Musikalisch angenehm oszillierend zwischen verträumter Hingabe und stürmischer Pop-Fetzerei. Und: Will Sheff hat singen gelernt. Das soll nicht verschwiegen werden. Wenn Okkervil River nach diesem Album nicht zur Stadion-Band werden und weiterhin im Vorprogramm von the Rilo Kiley spielen müssen, weiß ich auch nicht mehr.
Eine ähnliche Albumkonstellation stellt man beim Hören des anderen Lieferguts fest: Mica P. Hinson und sein Begleitorchester „the gospel of progress“ haben nicht umsonst darauf verzichtet, dem Album einen anderen Titel zu geben als den Selbsttitel. Denn "Gospel of Progress" trifft den Sachverhalt recht gut: 13 Songs, bei denen nicht immer klar wird, wo denn die Songgrenzen liegen – auch hier also eine Summe, die mehr ist als ihre Einzelteile. Hinson bedient mit Vorliebe den Regler für die Laut-leise Dynamik, oftmals vielleicht eine Spur zu vorschnell, als dass die Nackenhaare Zeit hätten, sich nachhaltig aufzurichten. Da hätte man sich an manchen Stellen gewünscht, dass der charmante Texaner den Spannungsbogen etwas länger über die Saiten gleiten ließe, bevor er die Streicher mit sich durchgehen lässt. So ist ein Album übrig geblieben, von dem noch nicht ganz sicher ist, ob es sich zu einer längeren Beziehung entwickeln wird, auch wenn man es sich bestimmt wieder anhören wird, schon allein um den letzten Song „the day texas sank to the bottom of the sea“ noch einmal zu hören – und dafür kommt man, wie gesagt, am Rest des Albums nicht wirklich vorbei.


creekpeople - 8. Jun, 12:12 - Rubrik: ...we have the music
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