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Montag, 18. Februar 2008

Hot Topic

Sonja Eismann gibt einen Reader zu "Popfeminismus heute" raus. Wurde ja auch Zeit. Jetzt: Von da weiter arbeiten.



Auch und gerade von denen, die es eigentlich besser wissen könnten oder müssten, hört mensch oft, dass das mit dem Tschänder langsam genug sei. Das mit dem Gender heißt auch Feminismus und davon kann es imho nie genug geben, gerade dann nicht, wenn sogar in Bereichen, die sich selbst als fortschrittlich, links oder was auch immer verstehen, nach wie vor die selben Machtgefälle bestehen, wie im ganz normalen Malestream auch.

Ein solcher Bereich wird, aufmerksame ResortleserInnen erahnen es bereits, unscharf gern „Pop“ genannt (hier auch irgendwie en passant ab und an mal Thema) und so drängt sich die Veröffentlichung eines Readers zu Popfeminismus (was auch immer das sein soll) direkt auf – zumal die bisherigen Publikationen dazu ähm, überschaubar und fast nur Bands mit Jungs immer noch unhinterfragter Standard sind. (1)

Was genau Popfeminismus nun sein soll, kann und will der von Sonja Eismann herausgegebene Band nicht endgültig klären, einen Überblick über die diversen bestehenden (Pop-)Feminismen bieten hingegen schon. LeserInnen, die sich einen systematischen, erschöpfenden, akademisch-theoretisch ausgefeilten Entwurf erwartet haben, werden enttäuscht sein, der betont subjektive und punktuelle Zugang der Autorinnen zu ihren Themen zielt aber gar nicht daraufhin ab.

Einzelbeiträge positiv oder negativ herauszuheben macht da wenig Sinn (Insgesamt sind sie breit gestreut: zu den nicht immer nachvollziehbaren Unterkapiteln Sexualität/Identität [die Hämmer gleich zu Beginn], Körper/Bilder [es geht heftig weiter: Pro-Ana-Websites etc.], Medien/Arbeit [hier sind wir Salon/DiskursfeministInnen zuhause], DIY/Aktionismus [dito], Feminismus/Alltag [Crafting!], Musik/Repräsentation [gleichfalls]). Der Gesamteindruck, den die Texte gemeinsam hinterlassen, ist jedoch wichtiger als Detailkritteleien: Insgesamt ist Hot Topic zurerst einmal eine erste Zusammenschau (pop-)feministischer Ansätze und Arbeiten, die vor allem eines macht: Lust darauf, es einfach selbst zu probieren, künstlerisch, politisch, theoretisch aktiv zu werden.

Sonja Eismann (Hg.): „Hot Topic“, Ventil

(1) Meine Lieblingsanekdote, ich erzähle sie ja viel zu selten: Ein DJ (Name der Red. bekannt) entgegnete auf die Frage meiner Schwester, ob er nicht auch mal was spielen könnte, wo Frauen (zumindest mit-)spielen, er würde ja gerne, allein, es gebe so wenig gute Musik von Frauen. Als nächsten Song brachte der Unterhaltungskünstler eine Aufnahme der Sportfreunde Stiller zur Aufführung.

Edit: Interessant sind auch die zahlreichen Links im Buch, von denen einige hier gefunden werden können und die Verbindungen zu Aktivistinnen und Netzwerken herstellen.

Dienstag, 5. Februar 2008

von instinkten, zombies, schönheit

Hingewiesen werden soll in diesem Rahmen gleichfalls noch auf das dem Creekpeople Resort im Geiste und personell eng verbundene Resort für Literaturkritik des Feuilletonmagazins "schreibkraft", das eine Empfehlung aber auch ohne Verhaberung wert ist. Online zum Schmökern werden u.a. angeboten: ein Gespräch mit Thomas Raab, Rezensionen zu Michael Stauffer, Steffen Popp, Manfred Rumpl etc. pp.

Freitag, 1. Februar 2008

Handke statt Haneke

ich las eine rezension ueber handkes neues buch, sie war positiv (!). Naja, fleissig ist er schon, was fuer mich nahelegt, dass es keine Autoren-Pensionskassa gibt. Nach guten fruehen (Theater-)Stuecken bin ich allerdings bei seinem Werk seit den 80ern nicht mehr annaehernd durchgestiegen. Eines taet mich dann aber doch interessieren: wieso immer diese Balkan-Verglorifizierung, wieso konnte er sich nicht mal die Grabrede fuer Milosevic verkneifen. Ich folgere, dass er die Yugo-Nostalgie, an der wir alle leiden, ein bisschen falsch interpretiert und ausgelegt hat. Ist Handke ein Popanz?

Dienstag, 28. November 2006

„Ich Regen, du blasen.“

Die Menschen sind einfach und berechenbar. Michael Stauffers neues Prosa-Werk „Normal – Vereinigung für normales Glück“ zeigt, wie man davon formschön profitiert.

Marcel Oliver, Ich-Erzähler des neuesten Prosastreichs des Schweizer Dichters Michael Stauffer, ist arbeitslos. Wer arbeitslos ist, hat viel Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll. Und ebenso viel Zeit, um die wahren Wünsche der Menschen zu analysieren. Marcel stellt fest, dass ein privater Anlagefond 18 Prozent seines Kapitals in Beteiligungen an religiösen Gemeinschaften investiert und schließt daraus: Die Menschen wollen spirituellen Halt und sie sind bereit, für dieses kleine bisschen Glück Geld zu bezahlen. Marcel Olivers Lehre zum „normalen“ Glück führt schließlich über das Wasser: „Ich stehe in der Natur, langsam setzt der Regen ein und dann leert sich meine Blase. Das ist der Hauptgedanke [...], diese Idee, dass die Natur mir vorausgeht und ich einfach der Natur hinterhergehen kann und dann wird alles gut, das ist es.“ Marcel gründet also eine Sekte, eine Anleitung zum Wohlfühlen, eine „Vereinigung für Normales Glück“. Er führt seine Jünger in den Regen, um sich kollektiv in die Hosen zu machen.
Michael Stauffer hat einen Blick für Banalitäten des Alltags. Dies bewies er bereits in seinen ersten beiden Prosawerken mit den episch langen Titeln „I promise when the sun comes up, I promise I’ll be true. So singt Tom Waits. Ich will auch Sänger werden.“ (2001) sowie „Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch.“ (2003). Beide Werke stellten Ich-Erzähler in den Mittelpunkt, die versuchten, mit abstrusen Einfällen, Kalauern, aberwitzigen Logikexperimenten und skurrilen Projekten den Alltag zu füllen. Auch Marcel Oliver, der selbsternannte Sektenführer, macht hier keine Ausnahme: Er erprobt seine angeblichen telepathischen Fähigkeiten im Park, erfindet ein Baukastensystem für Kontaktanzeigen und schützt sein Fahrrad durch Androhung von Bußgeldforderungen. Kurz: Der Alltag ist schwer, doch man kann lernen, ihn zu meistern.
Vor allem kann man lernen, wie er zu beschreiben ist. Stauffers Erzähler wissen nämlich, dass die Realität erst erträglich wird, wenn man sie festschreibt. In knapper, einfacher Sprache fixiert Marcel Oliver seine Welt. Er beschreibt schnörkellos, fast naiv. Und genau in dieser Einfachheit liegt die Kraft dieser Prosa. Stauffer schafft es durch kurze, schmucklose Aussagesätze, die weder auf Stileffekte abzielen, noch poetischen Pomp fordern, die Realität seines Erzählers wiederzugeben. Die Banalität des Alltags findet so in ihre logische Form. Dieser Stil mag zwar gewöhnungsbedürftig sein, schafft jedoch schließlich vor allem zwei zentrale Effekte: Erstens werden Stauffers Figuren durch ihren vollkommen unkomplizierten Blick auf die Welt zu wahren Sympathieträgern. Die Erkenntnis, dass es zum Glücklichsein nicht viel braucht, ist eben ansteckend. Zweitens generiert Stauffers Stil vor allem den unwiderstehlichen Witz eines Schelmenromans: Die überbordende Realität trifft auf einen einfachen Geist und wird von diesem gefiltert. An der Bruchstelle zwischen den kollidierenden Niveaus entsteht im Falle Stauffers eine verschrobene, liebenswerte Art von Komik. Und so ist „Normal“ nicht nur ein Text über „normales Glück“, sondern auch eine Hilfestellung, es zu finden.

Michael Stauffer: Normal. Vereinigung für Normales Glück. 14,40€/ 78 Seiten. Urs Engeler Editor, Basel 2006.

Sonntag, 15. Oktober 2006

All das wollten Gieseking und José, schon aus Gewohnheit, gut finden

Neues von den Toten: Moritz von Uslars Debutroman oder alt werden ist gar nicht so schlimm



"Man mußte doch heute leben! Und dann kam ihm dieser Gedanke - heute leben - auch schon wieder unwahr, ausgedacht, geheuchelt vor, schlicht deshalb, weil er ihn schon zu oft gedacht hatte."

Die Einwände sind zwar bekannt, aber so schnell referiert, dass wir uns das doch glatt mal gönnen: Die P-Wort Schnöselchen/Zeitungsfritzen haben doch eigentlich eh nie was drauf gehabt und sind zynisch und arrogant und vorbei und tot. Nunja. Und dann schreibt er mit Mitte 30 einen Debutroman über einen Protagonisten, der Journalist und Mitte 30 ist und einen Debutroman schreibt und die Probleme hat, die so Figuren halt so haben: Freundin ist weg, klassiche Musik beginnt ihm zu gefallen und am Ende stirbt man dann auch noch. Nunja.

"Nichts war klar, alles musste jeden Tag von neuen, mit heißem Herzund kühlem Verstand, mit Ruhe und Zuversicht gesichtet, musste begriffen und in den Griff gebracht werden."

Nach dem Mesopotamiabeitrag hatten wir uns ja schon Großes erwartet und tatsächlich sind es mit 192 auch unter 200 Seiten geworden, wie es sich gehört. Keine davon ist neu, aber nichts anderes als die Großen Fragen des Echten Lebens wollen wir verhandelt wissen: a.) Warum geht das Erwachsenwerden in Würde und Pop nicht? b.)
Warum können wir nicht unendlich lange dagegen sein? Warum eigentlich gar nicht? c.) Wie soll das bitte gehen mit den anderen Menschen / LebensabschnittspartnerInnen? Ist vielleicht gar die große Böse Maschine schuld daran, dass das nichts mehr wird (= Houelle-These)?

Wir lesen also: Die Schönheit des Vorbeisein, die Schönheit des Vorbeiseins, das man noch nicht bemerkt hat, die Art von Verschwinden. Schmerz und Pose, noch ein Bier oder fünfzehn, Schläue, die guten, bösen alten Lieder, die Dinge, die niemals vorbei sein sollten. Dann ist es halt doch vorbei und dann ist das halt so. Am Ende hast du gar nicht gemerkt, was der gerade gemacht hat: Das P-Wort gerettet, nicht weniger. Dann erst erwachst du aus wie aus einem langen, bösen Traum und denkst: Wahnsinn, dass der das jetzt machen kann (jedes Wort außer "dass" einzeln in italics).

"Und Gieseking verstand, dass sein ganzes Denken darauf angelegt war, dass die anderen - die mit der Gegenposition - in der Mehrheit waren. Sein Standpunkt, sein Denken funktionierten überhaupt nur deshalb."


Wie es sein soll, ist auch von Uslars Sound so gut, dass man den immer nachmachen will, dass man gute Laune kriegt. Das kannst du nicht kaufen, das musst du langwierig kollektiv entwickelt und perfektioniert haben. Diese Art zu schauen, zu reden, rumzustehen, zu rauchen, die nie langweilig oder blöd wird und nie sterben kann, oder naja, das halt am Ende doch. Aber wenn man das liest, kann man wieder schneller und besser denken, für 200 Seiten ist der Text der beste Text der Welt, für 200 Seiten ist das unsterblich, 200 Seiten, in denen alles gesagt ist, was zu sagen ist. Ganz ähnlich wie bei diesen anderen Dingen, die für zwei bis dreizwanzig Minuten das Wichtigste der Welt sind, was war das nochmal.

Moritz von Uslar: Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005. 192 Seiten, Köln, Kiwi, 2006

Mittwoch, 4. Oktober 2006

Altes von Tricksern

Lipstick Traces und was man daraus lernen kann: Baumeisters/Negators Einführung in die Theorie der Situationistischen Internationale

Bild 298

Man wird dem Resort nichts Neues erzählen, bringt man zum Ausdruck, unter jungen Leuten sei derzeit eine auf die Musik ihrer Eltern oder großen Schwestern Bezug nehmende Musik nicht ganz unangesagt und wer außer denen, die beim ersten Mal schon dabei gewesen waren und die die mangelnde Kenntnis der Originalstücke bekritteln, würde es ihnen verübeln wollen, das war auch klasse Musik.

Bei linker Theorie ist es irgendwie genau umgekehrt: derzeit eher out, dafür ist es nie ein Schaden, wenn man ein paar alte Schriften des Dagegenseins gelesen hat, um nicht die selben Fehler noch einmal zu machen. Es muss ja nun nicht unbedingt wieder die Maobibel sein, die in den Gesäßtaschen der Menschen mit den besseren Frisuren steckt, Mutter Erde ist mit uns seither ja doch ein paar Runden durchs All gerast und auch sonst sind zwo, dro Sachen passiert in der Zwischenzeit. Aber gerade wenn es allgemeiner Konsens wird, dass sämtliche linke Projekte leider nicht funktioniert haben und also nie funktionieren können, weil der Mensch halt eben nicht für den Communismus geschaffen ist und man also nichts tun kann, tut man gut daran, zu tun, was man tun kann: erstmal nachlesen und dann im nächsten Kneipenstreit die besseren Argumente haben. Es ist ja nicht so, dass sich nicht schon frühere Generationen vor dem sich Gebärden als Naturgesetz der bösen Maschine aka Kapitalismus die Zähne ausgebissen hätten, das vielfach noch nicht einmal die Denkmöglichkeit einer anderen Welt erlaubt.

Von eben den Zwängen, deren Abschaffung sein Projekt ist, geknechtet in das, was so schön prekäre Verhältnisse zu nennen wir uns brav angewöhnt haben, hat der junge Mensch natürlich auch nicht so viel Zeit, alles im Original nachzulesen und zu verstehen. Zum guten Glück ist das aber gar nicht mehr nötig: Die im Schmetterling Verlag erscheinende Reihe theorie.org bietet kompakte Einführungen in wesentliche Strömungen linken Denkens.

Der von Biene Baumeister und Zwi Negator verfasste Beitrag zu Situationistischer Revolutionstheorie umfasst nicht weniger als zwei Bände (von denen der Rezensent nur den ersten teilweise gelesen hat) plus einem umfangreichen Anmerkungsapparat im Netz und überzeugt dabei nachdem man sich erst einmal an den feierlich-ernsten Ton gewöhnt hat sowohl durch die (relativ leicht) verständliche Aufbereitung des von Guy Debord u.a. in den 50ern entwickelten Theorieapparats als auch durch die Überlegungen der situationistischen Bewegung selbst, die, wie wir ja alle wissen, nicht nur maßgeblichen Einfluss auf Dinge wie '68 oder Punk ausübten, sondern auch einen wohl zu Unrecht fast vergessenen Versuch darstellen, eine fundamentale Kapitalismuskritik vor der Folie einer heraufziehenden Mediengesellschaft mit der Erfahrung der Vereinnehmbarkeit und dem Vereinnehmen aller Oppositionen zu diesem System durch ebendieses zusammen zu denken, ohne sich in Esoterik oder Reaktion zu flüchten. Von hier oder einer ähnlichen Stelle aus könnten wir dann weiterdenken.

Biene Baumeister & Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Eine Aneignung. theorie.org, Schmetterling Verlag, Stuttgart, 2005

Donnerstag, 25. Mai 2006

daher der kopfschmerz

nachwuchs in der suhrkamppoptrias

Bild 009

mit der literatur im allgemeinen nun einmal eigenen schnelligkeit war damals, wie sie alle wissen, auch suhrkamp auf die p-wort-welle aufgesprungen und hatte flugs kanonisiert, was eben nicht lediglich kinderkram über oasis, herzscheiße und essbrechsucht war. weil nun leider nicht alles immer bleiben kann, wie es ist, gibt es neben sehr empfindsam alltagsbeobachteten wenderomanen, die macht der sprache fühlenden autobiographischen prosalangtexten von frauen aus ehemaligen sozialistischen diktaturen südosteuropas und dem dreieck geotz-neumeister-meinecke auch iris hanika.

in musik für flughäfen (jaha, zitat erkannt, bitte wieder setzen) verhandelt hanika (*62) so in etwa die handelsübliche befindlichkeit, die man halt so zu haben hat als junger mensch in einer deutschen großstadt, der lebensaltersmäßig eigentlich erwachsen, aber eigentlich mehr so satc-jugendlich ist. ein paar gute oneliner entschlüpfen da den kurztexten natürlich fast zwangsläufig und irgendwie ginge das schon auch ein klein wenig im guten sinn über den klassischen, allgemein verfügbaren antvillesound hinaus, schielten nicht doch ab und an ein paar blöde metaphern und andere literarizitätssignale nach e (so dann also im schlechten sinn).

nun kann man einen hang zum anachronistischen formen ja noch entschuldigen, aber es gibt dummerweise immer noch die inhaltsebene. neben nebensächlichem und diskursarchivierung (als reichte das noch nicht) hat sich da nämlich gift ins kraut gemogelt: dass hanikas icherzählerinnen ausschließlich im nachspielenden zitat des verlassenwerdenschmerzs bestehen können, kann man freundlich gestimmt zwar auch als kritik via überaffirmation des baldrians fürs volk lesen, aber einfach affirmativ auch. als gäbe es die von christiane rösinger entwickelte (und hanika bekannte) neue bitterkeit nicht, wird traumprinzen ironisch nachgeweint, dass es eine art hat, um es mal mit thomas mann zu sagen. naja.

irgendwie bleibt dann nach dem heftchen (wenigstens nicht lang) das gefühl, dass genau das nicht gemeint war damals mit der p-wort-literatur. geben muss es das natürlich trotzdem oder deswegen, man liest ja immer noch lieber weblogtexte als literaturhausliteratur, auch wenn sie blöd sind.

iris hanika

iris hanika: musik für flughäfen, edition suhrkamp, 123 seiten

Dienstag, 18. April 2006

...

Was haben Sie gelesen, wenn Sie sich nach der Lektüre eines Buches fragen: "Musste das jetzt wirklich sein"?
Thomas Mann - Der Zauberberg.
Aber es musste eben sein.

Mittwoch, 12. April 2006

diese schmerzen musst du tragen

komm mit in den wald: ruth schweikerts zweiter roman "ohio"



dem sich in der schönheit des walds aus zeichen eines romans verlaufen habenden rezensenten empfiehlt sich stets, das leere worddokument mit den mystik-art-rockern tocotronic zu bekämpfen. und siehe da: „im blick zurück entstehen die dinge / im blick nach vorn entsteht das glück“.

im blick zurück entstand ruth schweikerts fragmentbeziehungsfamilienroman ohio mit der frage, wie und womit es angefangen habe. von dort führen kleine fetzen der erinnerung entlang schmaler waldpfade durch drei generationen familiengeschichte und ein jahrhundert zentraleuropäischer diskurse ins leere, zu lichtungen, verzweigen sich und kreuzen sich dann, bis merete und andreas im hotelzimmer in durban vergeblich die scherben eines gemeinsamen lebens zusammenzusetzen versuchen. und durch dieses dickicht muss die leserin schon selber finden.

am waldesrand stehen unter den hohen bäumen beispielsbeziehungskonzepte, dylansongs und erinnerungsdekonstruktion auch zarte gewächse, wie der ursprung des romans, von dem aus die autorin "den dingen nachgeschrieben" (schweikert) hat: andreas großvater ruft andreas in durban von celerina aus an, um ihn zu fragen, ob er wisse, wo er seinen lottoschein hingelegt haben könnte, andreas schreibt merete ein sms, dass die kinder fleisch- statt tomatensoße wollen, merete deckt ihre ewig halbfertige dissertation über klees zerschnitte bilder mit einem alten leintuch zu, damit sie nicht verstaubt.

am ende stehen im blick zurück dann so 11, 12, 13 prozent erleichterung, weil diese Geschichte abgeschlossen ist, wenn sie auch nicht restlos erzählt werden kann. das ist auch der vorteil von literatur: anders als das leben geht es nicht immer weiter. so kann man diese monströse impertinenz, "dass man die stimme erhebt über andere" (heckmanns), diese "sonderbare verhaltensstörung" (sebald) rechtfertigen, im blick zurück. im blick nach vorn entsteht das glück: ohio, endlose maisfelder.

ruth schweikert: frierkind, ammann, zürich, 2005, 215 seiten

Mittwoch, 8. März 2006

allright, frierkids?

liebe und freiheit sind die zwei worte, für die wir noch längst nicht bereit sind



ein schimpf- und schandlied auf das versagen der gesellschaftlichen innovationsbestrebungen des vergangenen jahrhunderts zu singen war/ist unter anderem ja auch ein anliegen von autoren, die unter anderem auch die für den einen oder anderen content contribiutor dieses resorts nicht völlig einflusslosesten texte verfassten (das resort berichtete). andrea rothaug erzählt ihren debutroman "frierkind" also sozusagen aus dem gemachten bett heraus: aber 68er-bashing lesen - ja bitte.

andrea rothaug, jahrgang '65, hat so viel streetcredibility, da können bleiche französische informatiker ihr geburtsjahr fälschen wie sie wollen und müssen trotzdem einpacken. wenn der papierform nach wer dem nonkonformismus ein atonales requiem singen darf, dann sie.

und genauso ist es dann auch: holly, so was wie hhs szenequeen, arty und befreit bis dorthinaus, und ihr blödes urbanes pennerumfeld machen dem protagonisten unseres kleinen bildungsromans, max tinker, das leben zur hölle. max tinker durfte schon immer alles, außer konventionen einzuhalten. klar, dass da dem klischee entsprechend ein pedantischer psychopath herauskommt, unfähig zu allen menschlichen regungen und vor allem zur liebe. max tinker liebt seine ticks, schmutz, rotz, dreck und onanie. [ein kleiner nebensatzsexismus könnte jetzt erwähnen, wie verblüffend gut rothaug die hormonellen nöte ihres antihelden (nebensatzsexismen zucken nicht mit der wimper, wenn sie "antiheld" schreiben) beschreibt, der eigentliche text verkneift sich das mal.]

dann kommt auch noch ein mädchen ins spiel. eine art "kevin blechdom oder gustav meets the swan"-figur führt den armen tinker in die geheimnisse menschlicher wärme und nähe ein, ist zum guten glück aber selbst kaputt genug, um ihm auch gerade noch genug weh zu tun, als dass die kitschszenen zu zahlreich zum störungsfreien überblättern wären. in den manigfaltigen nebenfiguren und ihren blöden kunstprojekten dürfen sich dann wohl rothaugs künstlerfreunde wiederfinden.

schwer zu sagen, warum man den aus frustration über seine blöden hippieeltern kleintierfickenden tinker und seine popkulturzitatgewürzte boy-meets-girl-story nicht entnervt als ungelungene übersetzung der vorbilder zur seite legt. es liest sich eben gut. ist irgendwie gut. man denkt sich immer, eigentlich müßte ich das hassen, aber die darf das. vielleicht ist es die popsongausmaße annehmende leitmotivik. vielleicht diese sprache (normalerweise todesstrafe), diese ellipsen (normalerweise todesstrafe), diese, wehe wer lacht, poesie (normalerweise besonders grausamer tod, als könnte sprache mehr, als sie kann). die fast zum normalerweise ebenfalls mit todesstrafe belegten kapitalverbrechen der primärtextstilimition durch die kritik verführen könnte. fast nur. nicht ganz. peinlichkeit, nicht notwendigkeit.

höchstwahrscheinlich ist es aber auch nur, dass max tinker in seiner freizeit bret easton ellis liest.

andrea rothaug: frierkind, eichborn, frankfurt a.m., 2005, 243 seiten

We are ugly but we have the music

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