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Mittwoch, 13. Jänner 2010

"Love schould be scandalous"


Vladimir Nabokov discusses "Lolita"
(YouTube)

Freitag, 20. November 2009

Veranstaltungshinweis mit vielen Hyperlinks

Mieze Medusa & Markus Köhle präsentieren ihr gemeinsames Slam-Poetry-Buch "doppelter textpresso" (eine Rezension erscheint demnächst im diogenes #70) am 24.11.2009 um 19:00 Uhr in der Buchhandlung Wiederin in Innsbruck.

Samstag, 3. Oktober 2009

Ausufernde Prosa

Sprache ist nicht nur ein Virus aus dem All, sondern flüssig

cover von robert prosser - strom (mit raute, fast wie merve)

Hingewiesen sei hier auch auf meine Rezension von Robert Prossers Debüt "Strom" , erschienen soeben bei Klever in Wien.

edit: Lesung aus Strom am 7.11. ORF Landesstudio Tirol

Dienstag, 9. Juni 2009

1 Rezensent(en) gefällt das.

Dazu noch einmal Plastikman aus dem Hintergrund plötzlich: Jeder Mensch, den du einzeln betrachtest, weist, wenn du ihn aufmerksam genug betrachtest, Schwachstellen in Stil und Geist auf.

barbi

In einem, nunja, Schutzumschlag ist unlängst ein nicht nur der Farbe nach beurteilt hervorragendes Buch erschienen. Naturgemäß gleichen sich alle Rezensionen.

Zuerst wird (wie im Verlagswerbetext) das Grundprinzip der Appropriation erläutert: Die seit vier Jahren in Wien lebende, heute 28-jährige Belgrader Autorin und Germanistin Barbi Markovic veröffentlichte vor vier Jahren bei einem serbischen Verlag mit Ausgehen eine Paraphrase auf Thomas Bernhards Erzählung Gehen. Sie nahm dabei die Sprache und den Duktus des Autors und übertrug die grimmigen Dialoge dreier älterer Herren während ihrer Spaziergänge auf der Klosterneuburger Straße in Wien und dem Durchdrehen eines Protagonisten im Rustenschacher'schen Hosenladen auf drei junge Clubberinnen im Belgrader Nachtleben.

Als täte sie was zur Sache, wird im Folgenden die "Handlung" nacherzählt (Statt Gehen ist Ausgehen angesagt – oder auch nicht, denn eine Figur beschließt eines Nachts, nicht mehr auszugehen. Ihre beiden Freundinnen bleiben zurück und denken an die Ex-Clubberin, die nur mehr vor dem Fernseher sitzt und sich der totalen Entspannung annähert, zurück.) oder erklärt, wer Plastikman ist.

Darauf folgen meist (je nach verfügbaren Anschlägen) einige oder mehrere von den RezensentInnen für besonders gelungen erachtete Zitate: Während ich, bevor Bojana vom Clubben genug hatte, nur am Samstag mit Milica ausgegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Bojana vom Clubben genug hat, auch am Sonntag mit Milica aus. Weil Bojana am Sonntag mit mir ausgegangen ist, gehst du jetzt, nachdem Bojana am Sonntag nicht mehr mit mir ausgeht, auch am Sonntag mit mir aus, sagt Milica, nachdem Bojana jetzt genug hat und vor der Glotze klebt. | Wir haben nicht die Möglichkeit, das Belgrader Clubbing zu verlassen. Wir können nicht über Nichtverbleib oder Verbleib entscheiden. Alles was wir tun, ist nichts. Alles, was wir einatmen, ist nichts. Wenn wir ausgehen, gehen wir von einem Belgrader Club zum nächsten. Wir gehen und gehen immer von einer schlechteren Möglichkeit zur nächsten. Wegziehen, nichts anderes als aus dieser Stadt wegziehen, wiederholte Bojana, so Milica, immer wieder.

Als optionale Ergänzung machen sich Hinweise auf die Biographie der Autorin gut (Verlassen hat sie Belgrad dann doch, und noch immer scheint sie froh darüber zu sein. Nach Wien kam sie, um „wirklich Deutsch sprechen zu lernen“. Frei zu plaudern, erzählt Markovic, sei ihr lange schwergefallen – trotz des in Belgrad begonnenen Germanistikstudiums, das sie demnächst an der Wiener Universität beenden will.) oder auf die (ohja!) kongeniale Leistung der Übersetzerin Mascha Dabić (Dabić hat das zunächst 2006 in einem Belgrader Verlag publizierte "„Izlazenje" ins Deutsche übersetzt, und zwar so großartig, dass ihr eigentlich eine Nennung als zweite Autorin gebühren würde.).

Die NZZ findet das alles natürgemäß etwas mager. Die übrigen Rezensionen bringen an dieser Stelle natürlich das berechtigte Lob an, dass nicht nur die Idee sharp ist, sondern sich Ausgehen auch flüssig liest / es Style hat: Es passiert selten, dass einen ein Buch nicht nur anspricht und unterhält, womöglich noch auf intelligente Weise, sondern bei der Lektüre von der ersten Seite und vom ersten Satz an zu überraschen versteht. | Dieser Sound geht ins Mark - vor allem aber geht er ins Bein | So hat Marković ihren eigenen Bernhard-Text geschrieben, der sehr nahe am Original und dennoch keine Kopie ist. „Ausgehen" entfaltet auch für sich gelesen eine enorme Sogkraft - wobei es dem Lesespaß natürlich nicht abträglich ist, wenn man „Gehen" gelesen hat.

Darauf, dass Barbi Marković auf Facebook FreundInnen namens Miloś und Bojana hat (wie zwei der Hauptfiguren in Ausgehen heißen), gehen die RezensentInnen natürlich nicht ein, weil sie im Germanistikstudium gerlernt haben, dass man die AutorIn und die ErzählerIn nicht vermischen darf (oder vielleicht haben sie nur nicht dran gedacht, nachzuschauen).

Hätten wir jedenfalls Ausgehen rezensieren müssen, wir hätten es auch nicht anders gemacht. Bleiben nur zwei Fragen: Was sollen eigentlich diese Track-Namen zwischendurch? Und wer ist dabei, Ausgehen in Aussitzen zu übersetzen, ins Heute, hierher, ins Netz?

Material: (#) | (#) | (#) | (#) | (#).

Ausgehen von Barbi Marković, aus dem Serbischen von Mascha Dabić ist bei Suhrkamp in Frankfurt am Main erschienen

barbi

Man muss wissen, sagt Oehler, alle Sätze, die gesprochen werden und die gedacht werden und die es überhaupt gibt, sind gleichzeitig richtig und gleichzeitig falsch, handelt es sich um richtige Sätze.

Montag, 1. Juni 2009

Keine neue Art, Nein zur Welt zu sagen

Matias Faldbakkens letzter Teil der skandinavischen Misanthropie-Trilogie rettet die Literatur und die Welt auch nicht. Wie auch.

unfun cover

Aufgrund seiner Neigung zu einer gewissen Drastik ist Matias Faldbakken ein treuer, wenngleich nicht unumstrittener Begleiter des Resorts. Das Thema der oft bemerkten und im oben verlinkten Beitrag bereits angesprochenen oberflächlichen Ähnlichkeit zu (hier ebenfalls rezipierten) Autoren wie Hulle oder BEE müssen wir an dieser Stelle ebensowenig vertiefen, wie das bisherige Schaffen des Autor vorstellen - 2009 ersuchmaschiniert sich die LeserIn das im Bedarfsfall nun wirklich selbst.

Unfun, das bislang schmälste Bändchen des Norwegers, tanzt und tanzt nicht aus der Reihe seiner zweier Brüder im Provokationsgeiste. Wir können uns eine eingehende Beschreibung der Fabel ersparen, wie auch die abgesehen von Details konventionell erzählte Form des Romans nicht der Rede wert ist (der wie alle Faldbakken-Romane mehr eine Illustration seiner Thesen denn einen Roman im eigentlichen Sinn darstellt). Nur so viel: Die Afronorwegerin und schlafende Anarchistin Lucy hilft ihren Ex-Freund und Gewaltintellektuellen Slaktus (=Schlächter) in einer nahen, globalisierungsdystopisch angehauchten Zukunft dabei, ein rassistisches Gewaltcomputerspiel zu produzieren, davon unterstützt durch wie behindert von den zwei missratenen Sprössen der Beziehung, die den Kindsmord an ihrem dritten Bruder überlebt haben. Nicht unwichtige Nebenfiguren wie der Joseph-Conrad-Fan (ein wenig mit dem Vorschlaghammer also Verweise auf: Apocalypse Now, Ridley Scott etc.) Taiwo und die querschnittgelähmte ehemalige Homer-Simpson-Stimme und Rudolph-Valentino-Fan Castellaneta leihen der Hauptfigur des Spiels Gestalt und Stimme.

Nun ist die (semantische, kulturelle, wie immer es die LeserIn nennen möchte) Abnützung aller Tabubrüche und Grenzüberschreitungen in Erzählungen (in dem Fall ausführliche Schilderung von Kindsmord, Vergewaltigung und Rassismusverherrlichung) Faldbakkens eigentliches Hauptthema (wenngleich einerseits manche Stellen von Unfun zarten Gemütern tatsächlich nicht zu empfehlen sind und andererseits nach der dritten Gewaltszene eine Übersättigung sich unweigerlich einstellt). Es kann ihm aber/also jedenfalls nicht vorgeworfen werden, sich auf sozusagen intrinsic persuaders zu verlassen, also darauf, dass er glaube, sein Roman gewönne allein dadurch, dass er auf der Ebene des Inhalts jedesmal wieder einen Tick extremere Grenzüberschreitungen durchführte (so wie wenn eine Statue nur dadurch gewönne, dass sie aus Gold, oder Platin oder Kryptonit hergestellt ist). Im Gegenteil dürfen wir Faldbakken als Anliegen ja eher unterstellen, das nirgends hinführende Heißlaufens dieses Hamsterrads der Überbietung zeigen zu wollen. Dass daraus nicht notwendig, um im Bild zu bleiben, extrinsic persuaders (die Statue ist schön, weil wir die Gewagtheit der Neuheit ihrer Form gerade noch erkennen können) entstehen müssen, also Literarizität noch einmal auf einem anderen Blatt steht, müssen wir gleichviel eingestehen.

Und genau an dieser Stelle schlägt Faldbakken eine Volte, die ein unter den Resort-Systemadministratoren heiß diskutiertes Thema betrifft. Angesichts der Möglichkeiten des Computerspiels erklärt er (als vorerst letzte mögliche Provokation) die Narration als solche für tot:

Die Vorstellung, dass das Leben der Narration ähnelt (Film, Buch) oder dass das Ende für den Protagonisten sowohl in einer narrativen Fiktion als auch im Leben immer vorherbestimmt ist (der Verfasser hat das Ende für den Protagonisten festegelegt wie auch der Tod das Ende für den Menschen ist), erhielt - Slaktus' Überlegungen zufolge - einen Schuss vor den Bug. Das Gaming ist, im Unterschied zur Narration und dem Leben selbst, ein ewiges Improvisieren und ein ständiges Neuformulieren; es ist ein ewiges Enfernen von Hindernissen und Einschränkungen, in einer Weise, die weder das Leben noch die Narration leisten können. (S.73)

Diese These (1) empfinden wir als einen Schritt zugleich nach vorne und zurück; man kann dazu letztlich wohl auch stehen, wie man will ohne damit viel über den fraglichen Roman sagen zu können. Wir stellen an Unfun ohnedies zu hohe und zu niedrige Ansprüche - gelungene Literatur will dieser Band wohl kaum sein (was wir ihm definitiv absprechen müssen); eher möchte er wohl die Möglichkeiten von Diskursen (der Kunst?) offensiv vorantreiben (wobei wir geteilter Meinung sind, ob und wie Faldbakken dies gelingt). Wie immer bleibt uns nur das Resümee: Faldbakken hat die Zeichen der Zeit (wie kaum jemand) klar erkannt, die Schlüsse, die er daraus zu ziehen vorgibt, gefallen uns hingegen gar nicht. Immerhin die zeitlose Dummheit der Rezensionsfloskel von der erfrischenden Unaufgeregtheit des Romans wird Unfun (wohl - wir haben nicht nachgelesen) erspart geblieben sein.

Unfun von Matias Faldbakken ist bei Blumenbar in München erschienen.

***

(1) Deren Schlüsse der Roman aus Gründen der Ironie der Form natürlich nicht mit letzter Konsequenz ziehen kann (woran das Buch eben auf paradoxe Weise krankt), was immerhin zu lesenswerten Stellen führt, in denen die Figuren die Selbst-Narration ihres Lebens / über das Verhältnis zwischen Dingen, Geld und Bedürfnissen explifizieren:

Mein Geld materialisiert sich in Dingen, und diese Dinge decken meinen Horizont. Die Zeit, in der ich meinen Körper für etwas verleihe, das an Arbeit erinnert, wird mit Geld beglichen; danach breitet sich das Geld um mich herum aus, in Form von Zahnbürste und Bett, Zucker und Deodorant, den Gläsern im Schrank, dem Parkettboden, dem hässlichen Wandschrank mit den weißen Türen. Das Sofa ist mein Geld. Der Computer. Die Bettdecke. Alles. Die 19 Grad Celsius in meiner Wohnung sind mein Geld. Das Licht ist mein Geld. Das Klo ist mein Geld. Die Bücher, die Blätter, die Spiele. Die Pornos. Die Ohrstäbchen. Die Teppiche. Der Abfall ist mein Geld. Ich bringe den Abfall raus, also mein Geld, also meine Zeit, also mein Leben, und schmeiße es in den Computer. Ich bezahle fürs Wegwerfen. Ich bezahle dafür, nicht zu haben. Ich bezahle dafür, nicht zu besitzen. Ich bezahle für Abwesenheit. (S.147)

Montag, 18. Februar 2008

Hot Topic

Sonja Eismann gibt einen Reader zu "Popfeminismus heute" raus. Wurde ja auch Zeit. Jetzt: Von da weiter arbeiten.



Auch und gerade von denen, die es eigentlich besser wissen könnten oder müssten, hört mensch oft, dass das mit dem Tschänder langsam genug sei. Das mit dem Gender heißt auch Feminismus und davon kann es imho nie genug geben, gerade dann nicht, wenn sogar in Bereichen, die sich selbst als fortschrittlich, links oder was auch immer verstehen, nach wie vor die selben Machtgefälle bestehen, wie im ganz normalen Malestream auch.

Ein solcher Bereich wird, aufmerksame ResortleserInnen erahnen es bereits, unscharf gern „Pop“ genannt (hier auch irgendwie en passant ab und an mal Thema) und so drängt sich die Veröffentlichung eines Readers zu Popfeminismus (was auch immer das sein soll) direkt auf – zumal die bisherigen Publikationen dazu ähm, überschaubar und fast nur Bands mit Jungs immer noch unhinterfragter Standard sind. (1)

Was genau Popfeminismus nun sein soll, kann und will der von Sonja Eismann herausgegebene Band nicht endgültig klären, einen Überblick über die diversen bestehenden (Pop-)Feminismen bieten hingegen schon. LeserInnen, die sich einen systematischen, erschöpfenden, akademisch-theoretisch ausgefeilten Entwurf erwartet haben, werden enttäuscht sein, der betont subjektive und punktuelle Zugang der Autorinnen zu ihren Themen zielt aber gar nicht daraufhin ab.

Einzelbeiträge positiv oder negativ herauszuheben macht da wenig Sinn (Insgesamt sind sie breit gestreut: zu den nicht immer nachvollziehbaren Unterkapiteln Sexualität/Identität [die Hämmer gleich zu Beginn], Körper/Bilder [es geht heftig weiter: Pro-Ana-Websites etc.], Medien/Arbeit [hier sind wir Salon/DiskursfeministInnen zuhause], DIY/Aktionismus [dito], Feminismus/Alltag [Crafting!], Musik/Repräsentation [gleichfalls]). Der Gesamteindruck, den die Texte gemeinsam hinterlassen, ist jedoch wichtiger als Detailkritteleien: Insgesamt ist Hot Topic zurerst einmal eine erste Zusammenschau (pop-)feministischer Ansätze und Arbeiten, die vor allem eines macht: Lust darauf, es einfach selbst zu probieren, künstlerisch, politisch, theoretisch aktiv zu werden.

Sonja Eismann (Hg.): „Hot Topic“, Ventil

(1) Meine Lieblingsanekdote, ich erzähle sie ja viel zu selten: Ein DJ (Name der Red. bekannt) entgegnete auf die Frage meiner Schwester, ob er nicht auch mal was spielen könnte, wo Frauen (zumindest mit-)spielen, er würde ja gerne, allein, es gebe so wenig gute Musik von Frauen. Als nächsten Song brachte der Unterhaltungskünstler eine Aufnahme der Sportfreunde Stiller zur Aufführung.

Edit: Interessant sind auch die zahlreichen Links im Buch, von denen einige hier gefunden werden können und die Verbindungen zu Aktivistinnen und Netzwerken herstellen.

Dienstag, 5. Februar 2008

von instinkten, zombies, schönheit

Hingewiesen werden soll in diesem Rahmen gleichfalls noch auf das dem Creekpeople Resort im Geiste und personell eng verbundene Resort für Literaturkritik des Feuilletonmagazins "schreibkraft", das eine Empfehlung aber auch ohne Verhaberung wert ist. Online zum Schmökern werden u.a. angeboten: ein Gespräch mit Thomas Raab, Rezensionen zu Michael Stauffer, Steffen Popp, Manfred Rumpl etc. pp.

Freitag, 1. Februar 2008

Handke statt Haneke

ich las eine rezension ueber handkes neues buch, sie war positiv (!). Naja, fleissig ist er schon, was fuer mich nahelegt, dass es keine Autoren-Pensionskassa gibt. Nach guten fruehen (Theater-)Stuecken bin ich allerdings bei seinem Werk seit den 80ern nicht mehr annaehernd durchgestiegen. Eines taet mich dann aber doch interessieren: wieso immer diese Balkan-Verglorifizierung, wieso konnte er sich nicht mal die Grabrede fuer Milosevic verkneifen. Ich folgere, dass er die Yugo-Nostalgie, an der wir alle leiden, ein bisschen falsch interpretiert und ausgelegt hat. Ist Handke ein Popanz?

Dienstag, 28. November 2006

„Ich Regen, du blasen.“

Die Menschen sind einfach und berechenbar. Michael Stauffers neues Prosa-Werk „Normal – Vereinigung für normales Glück“ zeigt, wie man davon formschön profitiert.

Marcel Oliver, Ich-Erzähler des neuesten Prosastreichs des Schweizer Dichters Michael Stauffer, ist arbeitslos. Wer arbeitslos ist, hat viel Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll. Und ebenso viel Zeit, um die wahren Wünsche der Menschen zu analysieren. Marcel stellt fest, dass ein privater Anlagefond 18 Prozent seines Kapitals in Beteiligungen an religiösen Gemeinschaften investiert und schließt daraus: Die Menschen wollen spirituellen Halt und sie sind bereit, für dieses kleine bisschen Glück Geld zu bezahlen. Marcel Olivers Lehre zum „normalen“ Glück führt schließlich über das Wasser: „Ich stehe in der Natur, langsam setzt der Regen ein und dann leert sich meine Blase. Das ist der Hauptgedanke [...], diese Idee, dass die Natur mir vorausgeht und ich einfach der Natur hinterhergehen kann und dann wird alles gut, das ist es.“ Marcel gründet also eine Sekte, eine Anleitung zum Wohlfühlen, eine „Vereinigung für Normales Glück“. Er führt seine Jünger in den Regen, um sich kollektiv in die Hosen zu machen.
Michael Stauffer hat einen Blick für Banalitäten des Alltags. Dies bewies er bereits in seinen ersten beiden Prosawerken mit den episch langen Titeln „I promise when the sun comes up, I promise I’ll be true. So singt Tom Waits. Ich will auch Sänger werden.“ (2001) sowie „Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch.“ (2003). Beide Werke stellten Ich-Erzähler in den Mittelpunkt, die versuchten, mit abstrusen Einfällen, Kalauern, aberwitzigen Logikexperimenten und skurrilen Projekten den Alltag zu füllen. Auch Marcel Oliver, der selbsternannte Sektenführer, macht hier keine Ausnahme: Er erprobt seine angeblichen telepathischen Fähigkeiten im Park, erfindet ein Baukastensystem für Kontaktanzeigen und schützt sein Fahrrad durch Androhung von Bußgeldforderungen. Kurz: Der Alltag ist schwer, doch man kann lernen, ihn zu meistern.
Vor allem kann man lernen, wie er zu beschreiben ist. Stauffers Erzähler wissen nämlich, dass die Realität erst erträglich wird, wenn man sie festschreibt. In knapper, einfacher Sprache fixiert Marcel Oliver seine Welt. Er beschreibt schnörkellos, fast naiv. Und genau in dieser Einfachheit liegt die Kraft dieser Prosa. Stauffer schafft es durch kurze, schmucklose Aussagesätze, die weder auf Stileffekte abzielen, noch poetischen Pomp fordern, die Realität seines Erzählers wiederzugeben. Die Banalität des Alltags findet so in ihre logische Form. Dieser Stil mag zwar gewöhnungsbedürftig sein, schafft jedoch schließlich vor allem zwei zentrale Effekte: Erstens werden Stauffers Figuren durch ihren vollkommen unkomplizierten Blick auf die Welt zu wahren Sympathieträgern. Die Erkenntnis, dass es zum Glücklichsein nicht viel braucht, ist eben ansteckend. Zweitens generiert Stauffers Stil vor allem den unwiderstehlichen Witz eines Schelmenromans: Die überbordende Realität trifft auf einen einfachen Geist und wird von diesem gefiltert. An der Bruchstelle zwischen den kollidierenden Niveaus entsteht im Falle Stauffers eine verschrobene, liebenswerte Art von Komik. Und so ist „Normal“ nicht nur ein Text über „normales Glück“, sondern auch eine Hilfestellung, es zu finden.

Michael Stauffer: Normal. Vereinigung für Normales Glück. 14,40€/ 78 Seiten. Urs Engeler Editor, Basel 2006.

Sonntag, 15. Oktober 2006

All das wollten Gieseking und José, schon aus Gewohnheit, gut finden

Neues von den Toten: Moritz von Uslars Debutroman oder alt werden ist gar nicht so schlimm



"Man mußte doch heute leben! Und dann kam ihm dieser Gedanke - heute leben - auch schon wieder unwahr, ausgedacht, geheuchelt vor, schlicht deshalb, weil er ihn schon zu oft gedacht hatte."

Die Einwände sind zwar bekannt, aber so schnell referiert, dass wir uns das doch glatt mal gönnen: Die P-Wort Schnöselchen/Zeitungsfritzen haben doch eigentlich eh nie was drauf gehabt und sind zynisch und arrogant und vorbei und tot. Nunja. Und dann schreibt er mit Mitte 30 einen Debutroman über einen Protagonisten, der Journalist und Mitte 30 ist und einen Debutroman schreibt und die Probleme hat, die so Figuren halt so haben: Freundin ist weg, klassiche Musik beginnt ihm zu gefallen und am Ende stirbt man dann auch noch. Nunja.

"Nichts war klar, alles musste jeden Tag von neuen, mit heißem Herzund kühlem Verstand, mit Ruhe und Zuversicht gesichtet, musste begriffen und in den Griff gebracht werden."

Nach dem Mesopotamiabeitrag hatten wir uns ja schon Großes erwartet und tatsächlich sind es mit 192 auch unter 200 Seiten geworden, wie es sich gehört. Keine davon ist neu, aber nichts anderes als die Großen Fragen des Echten Lebens wollen wir verhandelt wissen: a.) Warum geht das Erwachsenwerden in Würde und Pop nicht? b.)
Warum können wir nicht unendlich lange dagegen sein? Warum eigentlich gar nicht? c.) Wie soll das bitte gehen mit den anderen Menschen / LebensabschnittspartnerInnen? Ist vielleicht gar die große Böse Maschine schuld daran, dass das nichts mehr wird (= Houelle-These)?

Wir lesen also: Die Schönheit des Vorbeisein, die Schönheit des Vorbeiseins, das man noch nicht bemerkt hat, die Art von Verschwinden. Schmerz und Pose, noch ein Bier oder fünfzehn, Schläue, die guten, bösen alten Lieder, die Dinge, die niemals vorbei sein sollten. Dann ist es halt doch vorbei und dann ist das halt so. Am Ende hast du gar nicht gemerkt, was der gerade gemacht hat: Das P-Wort gerettet, nicht weniger. Dann erst erwachst du aus wie aus einem langen, bösen Traum und denkst: Wahnsinn, dass der das jetzt machen kann (jedes Wort außer "dass" einzeln in italics).

"Und Gieseking verstand, dass sein ganzes Denken darauf angelegt war, dass die anderen - die mit der Gegenposition - in der Mehrheit waren. Sein Standpunkt, sein Denken funktionierten überhaupt nur deshalb."


Wie es sein soll, ist auch von Uslars Sound so gut, dass man den immer nachmachen will, dass man gute Laune kriegt. Das kannst du nicht kaufen, das musst du langwierig kollektiv entwickelt und perfektioniert haben. Diese Art zu schauen, zu reden, rumzustehen, zu rauchen, die nie langweilig oder blöd wird und nie sterben kann, oder naja, das halt am Ende doch. Aber wenn man das liest, kann man wieder schneller und besser denken, für 200 Seiten ist der Text der beste Text der Welt, für 200 Seiten ist das unsterblich, 200 Seiten, in denen alles gesagt ist, was zu sagen ist. Ganz ähnlich wie bei diesen anderen Dingen, die für zwei bis dreizwanzig Minuten das Wichtigste der Welt sind, was war das nochmal.

Moritz von Uslar: Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005. 192 Seiten, Köln, Kiwi, 2006

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