Sonntag, 8. Jänner 2006

parolen wie fickt das system

matias faldbakken schreibt einen ausgezeichneten roman zur zeit, aber er gefällt uns nicht.

auf matias faldbakkens debütroman "the cocka hola company" konnten wir uns einigen. um dem feuilletonusus genüge zu tun: beidgebeder (man weiß nie, wie's man schreibt, wie die farbe, aber wie die farbe?) und houelle waren schnell als zwar-eh-nicht-so-aber-bisschen-schon brüder im geiste ausgemacht oder sagen wir es einmal so: hier hatten wir ein schönes stück literatur zur zeit und unterhaltsam und witzig war das auch, gab es in d so nicht oder kannten wir zumindest nicht.

2002 schoss faldbakken dann den zweiten teil seiner skandinavischen misanthropie nach und im vorjahr wurde er schon erbärmlich schlecht übersetzt und erschien bei blumenbar mit einem leider nicht ganz so schaurig-schönen cover wie der erste teil. hinrich schmidt-henkel, ansonsten nicht so unbekannt/scheiße im übersetzerbusiness kann nun aber nur zum teil was dafür, dass er hier so schlecht abgeliefert hat. faldbakkens liebstes stilmittel, das wortspiel-über-alles mit hang zum obszönen oder überhaupt allem, was eventuell gegen die grenzen irgendeines geschmacks verstoßen könnte, ist nunmal nicht so leicht zu übersetzen, oder wüßten sie ad hoc wie sie "fistfuck fart" eindeutschten ohne die alliteration zu zerschlagen?

nun hat der rezensent "grenzen" und "geschmack" nicht zum spaß erwähnt, sondern will damit in faldbakkens grundproblematik einleiten: natürlich kannst du kinderpornos mit rassismen würzen, aber damit wirst du auch nicht der "generellen haltung" entkommen, "die da heißt: provozierend? ach, diese ‚erschütternde’ aussage überleben wir auch noch, wie üblich. fundamentalkritisch? ach, die kritik wird einfach durch umarmung entschärft, wie üblich. innovativ? ach, die idee machen wir marktgerecht, wie üblich" (s.37). und nun eben dies macht rebel, die eine haupt- und identifikationsfigur, verzweifeln, dass es eine art hat. rebel würde ja gerne seinem namen gerecht werden, aber wogegen und wie, ohne dass es "die anderen" nicht eben doch tolerieren. den gefallen, rebel zu knechen, tut ihm leider keiner, lieber verkauft macht, die andere hauptfigur, sein authentisch-individualistisches dagegensein an konzerne, die neue zeichen mit brodem von underground immer brauchen können. klar, dass die beiden gut zusammenkönnen. rebel weiß, dass er auch nicht anders als sein blöder nachbar ist und ist deswegen lieber gar nicht und macht weiß, dass mit rebels wunsch anders zu sein, geld zu machen ist und so bilden "tausend toughe alternativen zusammengefügt mit dem leim des individualismus [...] immer nur wieder den guten alten mainstream" (s.317). adbusting ist jetzt vorbei, sozusagen.

gemeinsam ficken die beiden dann jedenfalls im auftrag eines bösen mainstream-konzerns eine minderheiten-underground-aktivisten-gruppe, indem sie die aktivisten einen bösen konzern ficken lassen, und das endet in einer schlusskampfszene zwischen nazi-migrantenkindern, porno-kindern, linksradikalen, hitlerredenflyern, amphetaminen, bullen, bücherverbrennung und dazwischen sehr vielen prozessen der signifikation. es ist ganz schön viel öl im zeichenkampf und das mit dem sand ist irgendwie way too 20th century. dazwischen kriegt noch jede mögliche haltung vorgeführt, dass sie nichts als eine mögliche haltung, also gar nichts ist.

nicht dass wir uns falsch verstehen: faldbakken sagt das richtige und das sehr gut. faldbakkens witz (aka zynismus (c) nzz), seine liebe zu listen, fiktiven buchtiteln und zu dem ganzen irrsinn ist nun sicher besser als der meiste andere mist, den man so lesen muss. würden wir es können, würden wir ungefähr so etwas schreiben, aber es gefällt uns nicht. "macht und rebel" ist eine äußerst genaue abschrift unserer welt, eine herrliche hassschrift auf "die kulturärsche, aktivistenärsche, die neoradikalen bastarde, kritischen theorie-penner, die slumkönige der progressiven musik, die bewohner der sinnstiftungsghettos, des großen zigeunerlagers von textproduzenten und gegenkultur-ratten" (s.89). und was passiert? dem feuilleton gefällts.

es geht uns wie rebel: "er ist unterwegs zu einem minderjährigen, problembeladenen mädchen, mit dem er danach höchstwahrscheinlich hemmlungslos vögel wird. er muss morgen nicht zur arbeit. er hat geld. er hat brandneue kleider, die ziemlich gut sitzen. er hat zu hause 138 gb freien speicherplatz auf seiner festplatte. sein handy ist voll aufgeladen" (s207). aber sein zustand ist nicht ok.

matias faldbakken - macht und rebel. aus dem norwegischen von hinrich schmidt-henkel (2005) 352 seiten, blumenbar

matias faldbakkens gleichfalls ausgesprochen lesenswertes debüt "the cocka hola company" ist 2003 ebenfalls bei blumenbar erschienen, die bei random house (bmg) erschienene hörspielfassung mit sprecherinnen wie julia hummer, olli schulz, angie reed, rocko shamoni, frank spilker u.a. wird von der creekpeople-resort-chefredaktion ohne kenntnis ausdrücklich empfohlen.

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creekpeople - 9. Jän, 19:41

... aber er gefällt uns nicht

Obenstehende Einschätzung kann ich nur zwei bis drei Mal unterstreichen. Tatsächlich laste ich Faldbakken nämlich an, das Problem (nämlich die zunehmende Vormacht des Individuums - Stichwort Ich-Ag - die ein Rebellentum - als Ausdruck des Andersseins - von vornherein unterbindet) zwar erkannt zu haben, dieser Erkenntnis schließlich aber nicht erzähltechnisch gerecht zu werden. Denn eine Antwort auf das Problem (die interessanterweise ja auch die Figur Rebel selbst findet, wenn auch über die Geschmacksgrenze hinaus überzogen) wäre größere Strenge in der Form, die Faldbakken aber niemals findet. Vielmehr wimmelt es von Figuren, die bloße innocent bystander sind und ausser einem alliterierenden Namen (siehe oben) wenig zu bieten haben. "The Cocka-Hola-Company" ist deswegen besser, weil in ihr zumindest der Großteil der Figuren beinahe parabelhaft agiert, sprich, das Thema tatsächlich veranschaulicht. "Macht und Rebel" hätte große Chancen gehabt, der Roman dieses Jahrzehnts zu werden, verpasst das Ziel aber leider knapp. (Umso besser: Schreiben wir ihn eben)

assotsiationsklimbim - 9. Jän, 22:36

wobei ich mir nich so sicher wäre, ob nicht etwa noch stärkeres auflösen der form doch das wahrere wäre. denn dass die anderen pappnasenfiguren, deren innensicht wir nicht genießen, farblose arschlöcher sind, kennt man ja auch aus dem anderen phänomen namens "echten leben", was wohl auch eher hauptproblem ist: wie bringt man es übers herz, mit den anderen, die per definitionem idioten sind, sonst wäre man selbst ja nicht so viel besser, mit den anderen also irgendwas zu machen, weltverbessern und so. (das nur so eben heimgekommen brainstormmäßig, wollte zwar eigentlich mal ein zeitchen nicht das zweifeln am selbst mit apodiktik übertünchen, aber bitte.)

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