Montag, 1. Juni 2009

Keine neue Art, Nein zur Welt zu sagen

Matias Faldbakkens letzter Teil der skandinavischen Misanthropie-Trilogie rettet die Literatur und die Welt auch nicht. Wie auch.

unfun cover

Aufgrund seiner Neigung zu einer gewissen Drastik ist Matias Faldbakken ein treuer, wenngleich nicht unumstrittener Begleiter des Resorts. Das Thema der oft bemerkten und im oben verlinkten Beitrag bereits angesprochenen oberflächlichen Ähnlichkeit zu (hier ebenfalls rezipierten) Autoren wie Hulle oder BEE müssen wir an dieser Stelle ebensowenig vertiefen, wie das bisherige Schaffen des Autor vorstellen - 2009 ersuchmaschiniert sich die LeserIn das im Bedarfsfall nun wirklich selbst.

Unfun, das bislang schmälste Bändchen des Norwegers, tanzt und tanzt nicht aus der Reihe seiner zweier Brüder im Provokationsgeiste. Wir können uns eine eingehende Beschreibung der Fabel ersparen, wie auch die abgesehen von Details konventionell erzählte Form des Romans nicht der Rede wert ist (der wie alle Faldbakken-Romane mehr eine Illustration seiner Thesen denn einen Roman im eigentlichen Sinn darstellt). Nur so viel: Die Afronorwegerin und schlafende Anarchistin Lucy hilft ihren Ex-Freund und Gewaltintellektuellen Slaktus (=Schlächter) in einer nahen, globalisierungsdystopisch angehauchten Zukunft dabei, ein rassistisches Gewaltcomputerspiel zu produzieren, davon unterstützt durch wie behindert von den zwei missratenen Sprössen der Beziehung, die den Kindsmord an ihrem dritten Bruder überlebt haben. Nicht unwichtige Nebenfiguren wie der Joseph-Conrad-Fan (ein wenig mit dem Vorschlaghammer also Verweise auf: Apocalypse Now, Ridley Scott etc.) Taiwo und die querschnittgelähmte ehemalige Homer-Simpson-Stimme und Rudolph-Valentino-Fan Castellaneta leihen der Hauptfigur des Spiels Gestalt und Stimme.

Nun ist die (semantische, kulturelle, wie immer es die LeserIn nennen möchte) Abnützung aller Tabubrüche und Grenzüberschreitungen in Erzählungen (in dem Fall ausführliche Schilderung von Kindsmord, Vergewaltigung und Rassismusverherrlichung) Faldbakkens eigentliches Hauptthema (wenngleich einerseits manche Stellen von Unfun zarten Gemütern tatsächlich nicht zu empfehlen sind und andererseits nach der dritten Gewaltszene eine Übersättigung sich unweigerlich einstellt). Es kann ihm aber/also jedenfalls nicht vorgeworfen werden, sich auf sozusagen intrinsic persuaders zu verlassen, also darauf, dass er glaube, sein Roman gewönne allein dadurch, dass er auf der Ebene des Inhalts jedesmal wieder einen Tick extremere Grenzüberschreitungen durchführte (so wie wenn eine Statue nur dadurch gewönne, dass sie aus Gold, oder Platin oder Kryptonit hergestellt ist). Im Gegenteil dürfen wir Faldbakken als Anliegen ja eher unterstellen, das nirgends hinführende Heißlaufens dieses Hamsterrads der Überbietung zeigen zu wollen. Dass daraus nicht notwendig, um im Bild zu bleiben, extrinsic persuaders (die Statue ist schön, weil wir die Gewagtheit der Neuheit ihrer Form gerade noch erkennen können) entstehen müssen, also Literarizität noch einmal auf einem anderen Blatt steht, müssen wir gleichviel eingestehen.

Und genau an dieser Stelle schlägt Faldbakken eine Volte, die ein unter den Resort-Systemadministratoren heiß diskutiertes Thema betrifft. Angesichts der Möglichkeiten des Computerspiels erklärt er (als vorerst letzte mögliche Provokation) die Narration als solche für tot:

Die Vorstellung, dass das Leben der Narration ähnelt (Film, Buch) oder dass das Ende für den Protagonisten sowohl in einer narrativen Fiktion als auch im Leben immer vorherbestimmt ist (der Verfasser hat das Ende für den Protagonisten festegelegt wie auch der Tod das Ende für den Menschen ist), erhielt - Slaktus' Überlegungen zufolge - einen Schuss vor den Bug. Das Gaming ist, im Unterschied zur Narration und dem Leben selbst, ein ewiges Improvisieren und ein ständiges Neuformulieren; es ist ein ewiges Enfernen von Hindernissen und Einschränkungen, in einer Weise, die weder das Leben noch die Narration leisten können. (S.73)

Diese These (1) empfinden wir als einen Schritt zugleich nach vorne und zurück; man kann dazu letztlich wohl auch stehen, wie man will ohne damit viel über den fraglichen Roman sagen zu können. Wir stellen an Unfun ohnedies zu hohe und zu niedrige Ansprüche - gelungene Literatur will dieser Band wohl kaum sein (was wir ihm definitiv absprechen müssen); eher möchte er wohl die Möglichkeiten von Diskursen (der Kunst?) offensiv vorantreiben (wobei wir geteilter Meinung sind, ob und wie Faldbakken dies gelingt). Wie immer bleibt uns nur das Resümee: Faldbakken hat die Zeichen der Zeit (wie kaum jemand) klar erkannt, die Schlüsse, die er daraus zu ziehen vorgibt, gefallen uns hingegen gar nicht. Immerhin die zeitlose Dummheit der Rezensionsfloskel von der erfrischenden Unaufgeregtheit des Romans wird Unfun (wohl - wir haben nicht nachgelesen) erspart geblieben sein.

Unfun von Matias Faldbakken ist bei Blumenbar in München erschienen.

***

(1) Deren Schlüsse der Roman aus Gründen der Ironie der Form natürlich nicht mit letzter Konsequenz ziehen kann (woran das Buch eben auf paradoxe Weise krankt), was immerhin zu lesenswerten Stellen führt, in denen die Figuren die Selbst-Narration ihres Lebens / über das Verhältnis zwischen Dingen, Geld und Bedürfnissen explifizieren:

Mein Geld materialisiert sich in Dingen, und diese Dinge decken meinen Horizont. Die Zeit, in der ich meinen Körper für etwas verleihe, das an Arbeit erinnert, wird mit Geld beglichen; danach breitet sich das Geld um mich herum aus, in Form von Zahnbürste und Bett, Zucker und Deodorant, den Gläsern im Schrank, dem Parkettboden, dem hässlichen Wandschrank mit den weißen Türen. Das Sofa ist mein Geld. Der Computer. Die Bettdecke. Alles. Die 19 Grad Celsius in meiner Wohnung sind mein Geld. Das Licht ist mein Geld. Das Klo ist mein Geld. Die Bücher, die Blätter, die Spiele. Die Pornos. Die Ohrstäbchen. Die Teppiche. Der Abfall ist mein Geld. Ich bringe den Abfall raus, also mein Geld, also meine Zeit, also mein Leben, und schmeiße es in den Computer. Ich bezahle fürs Wegwerfen. Ich bezahle dafür, nicht zu haben. Ich bezahle dafür, nicht zu besitzen. Ich bezahle für Abwesenheit. (S.147)

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